„Christian Al Qaida“ und Makro-Nationalismus: Artikel zur Debatte über den Terrorismus von Rechts

Knapp eine Woche nach dem Massaker von Norwegen bringen die Medien in der Debatte über nationalistischen/islamophoben Terror einige hervorragende Artikel hervor, die ich unbedingt weiterempfehlen möchte. Zu den Textausschnitten findet ihr die Verlinkung zum kompletten Artikel.

Nils Minkmar (FAZ) erstellt in Anders Breivik – Wahn und Sinn ein kurzes Psychogramm des Terroristen, beschreibt Vorbilder und Ähnlichkeiten zu anderen Terroristen. Die Betrachtung ist eine durchdachte wie genaue Analyse des Täters:

    Die Ein-Mann-Selbstmordattentäterzelle kann nicht durch V-Leute infiltriert werden, nur durch Skrupel und Depression. Dagegen musste er sich wappnen. Breivik nahm sich ein Beispiel an seinem Feind, den Dschihadisten: Fünfmal am Tag beten, wie das deren Moral stärke, fabelhaft. Doch bei aller Beschwörung des christlichen Abendlands ist Anders Breivik kein gläubiger Mann, also praktizierte er stattdessen seine Form von Foucaults „Sorge um sich“, ein selbst erdachtes mentales Trainingsprogramm: Jeden Tag vierzig Minuten spazieren gehen, dazu rechtsradikale Songs der schwedischen Sängerin Saga auf dem iPod hören, und immer an die Sache denken, an die Muslime, die uns bald schon überrennen werden und die Verräter, die ihnen die Pforten öffnen. Er wappnete sich gegen die eigene Menschlichkeit. […]

    Dies ist eine Tat, die wir im Lichte der Geschichte des 20. Jahrhunderts betrachten müssen, denn wir kennen Breivik schon lange. Wir hatten ihn bloß vergessen.

    Er ist weder selten noch auffällig. Der israelische Psychiater Dan Bar-On hat über Nazitäter und deren Familien geforscht. […] Die meisten der von ihm befragten Männer wussten genau, was sie taten, als sie töteten, und hielten es aufgrund ihrer Ideologie für völlig gerechtfertigt. Manchmal, das fiel Bar-On auf, waren sie auf ein kleines Detail stolz: Einige Massenmörder in Uniform haben ihm von dem einen Kind berichtet, dessen Blick sie nicht losgelassen hat. Bar-On hielt das für einen psychischen Schutzmechanismus, damit sie sich selbst nicht wie Monster vorkommen: Wenn mich dies so berührt, kann ich kein ganz und gar böser Mensch sein. […]

    Anders Breivik wusste genau, was er tat. Wir sind es, die nichts wussten, die vergessen haben: was politischer Terror von rechts ist, wie so was aussieht, wie die vorgehen. Und wir sind es den Opfern schuldig, zu studieren, was er geschrieben hat, wie er vorgegangen ist, bis ins kleinste Detail. Denn er hat ja nicht in die Menge geballert, einen Kindergarten gesprengt oder den Hauptbahnhof. Nicht mal auf die Polizisten hat er geschossen, zum Schluss. Er hat sich schon die Richtigen ausgesucht: Stalin und die Nazis waren sich in einem Punkt wenigstens einig, nämlich der Todeswürdigkeit der Sozialdemokraten. Breivik verurteilt gleich in den ersten Kapiteln die Idee von der Gleichberechtigung aller Menschen, insbesondere der von Mann und Frau, die Freundschaft unter Rassen, Völkern und Kulturen sowie die offene Gesellschaft – daher sind Sozialdemokraten seine logischen Ziele. Sie sind immer das Gegenteil aller selbstberufenen Weltrettungsritter, aller schneidigen Futuristen und Denker des jeweils neuen Menschen, gelten jeder extremistischen Seite als Verräter.

Thomas Hegghammer, Forscher am Norwegian Defense Research Establishment in Oslo, schreibt in seinem Artikel The Rise of the Macro-Nationalist in de NY Times ebenfalls zu Breiviks Motiven. Seine Erläuterungen zum „counterjihad“, zu „Makro-Nationalismus“ (oder Pan-Nationalismus) und zu Ähnlichkeiten zur Ideologie Al Qaidas, mit denen sich Breivik selbst vergleicht, sind hochinteressant.

    On closer inspection, however, Mr. Breivik’s worldview does not fit squarely into any of the established categories of right-wing ideology, like white supremacism, ultranationalism or Christian fundamentalism. Rather, it reveals a new doctrine of civilizational war that represents the closest thing yet to a Christian version of Al Qaeda. […]

    While Mr. Breivik’s violent acts are exceptional, his anti-Islamic views are not. Much, though not all, of Mr. Breivik’s manifesto is inspired by a relatively new right-wing intellectual current often referred to as counterjihad. The movement’s roots go back to the 1980s, but it gained substantial momentum only after 9/11. […] [However,] The leading counterjihad writers have virtually never advocated violence, and several of them have condemned Mr. Breivik’s actions. […]

    Indeed, the more belligerent part of Mr. Breivik’s ideology has less in common with counterjihad than with its archenemy, Al Qaeda. Both Mr. Breivik and Al Qaeda see themselves as engaged in a civilizational war between Islam and the West that extends back to the Crusades. Both fight on behalf of transnational entities: the “ummah” — or “community” of all Muslims — in the case of Al Qaeda, and Europe in the case of Mr. Breivik. Both frame their struggle as defensive wars of survival. Both hate their respective governments for collaborating with the outside enemy. Both use the language of martyrdom (Mr. Breivik calls his attack a “martyrdom operation”). Both call themselves knights, and espouse medieval ideals of chivalry. Both lament the erosion of patriarchy and the emancipation of women.

    Of course, these similarities should not be taken to mean that Mr. Breivik is inspired by or emulates Al Qaeda. Rather, they suggest that Mr. Breivik and Al Qaeda are manifestations of the same generic ideological phenomenon: “macro-nationalism,” a variant of nationalism applied to clusters of nation-states held together by a notion of shared identity, like “the West” or the “ummah.”

Adressat der Polemik Wir stellen uns von Johannes Schneider (Tagesspiegel) sind islamkritische Medienkritiker. Man beachte die Ironie in der Schreibe:

    Wir waren verwirrt. So schöne Sätze, wie einer von Ihnen auf der Plattform „Politically Incorrect“ an einen von uns richtete, konnten wir nie formulieren. Dieser schrieb über Meinungen und Ansichten, die in diesem Land zu Unrecht – das ging aus dem Kontext hervor – unterdrückt würden, gehöre auch jene, ein Land, ein Volk, und auch das deutsche, habe ein Recht auf eine eigene Identität und einen gesunden Patriotismus. Vielleicht haben wir den Begriff der „Identität“ zu lange in unserem Hirn hin- und herbewegt, um solche klaren, gut verständlichen Befunde tätigen zu können. Immer waren wir zu beschäftigt mit kleinlichen Fragen an uns selbst: Was ist ein Land? Was ist ein Volk? Was ist deutsch? Und was zur Hölle ist „gesunder“ Patriotismus?

    Darüber haben wir völlig unsere innere Stimme vergessen, diese Stimme, die uns sagen soll, dass das Hemd uns näher ist als die Jacke, und dass heute deutsch ist, was vor 50 Jahren deutsch war, weil Herkunftsidentitäten – davon haben Sie uns überzeugt – in jedem Fall stabile Identitäten sind, unveränderlich, exklusiv. Es gab unter uns sogar solche „Biodeutsche“, um diesem schönen Wort einmal die Ehre zu geben, die sagten, dass sie sich, als sie aus Westdeutschland nach Berlin kamen, in Neukölln oder anderen von der Arbeitsmigration der letzten 50 Jahre geprägten Bezirken eher heimatlich fühlten als etwa in Köpenick oder Lichtenberg. Gut, das waren meistens Leute aus so degenerierten Herkunftsregionen wie dem Ruhrgebiet, aber trotzdem: Es sagt doch einiges aus über die Verwirrtheit, die uns umgab.

Dies sind – nur ums noch mal klarzustellen – nur Ausschnitte aus den Texten fremder Autoren, die ich hier gepostet habe, da sie klug und kenntnisreich geschrieben sind und die eigene Sicht auf die Dinge erweitern können. Ein Klick auf die Links lohnt sich.

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