Ein CDU-Mann verkündet den Untergang des Webs 2.0

Wikipedia Black Protest
Bildquelle

Wer bisher dachte, das Dschungelcamp führe zur Volksverdummung, der hat sicher gestern nicht auf der Website vom Handelsblatt vorbeigeschaut. Dort hat die Redaktion dem CDU-Bundestagsabgeordneten Ansgar Heveling einen kleinen Gastkommentar zugetraut, in welchem dieser sich zum Internet und Themen wie Urheberrecht äußern sollte. Das liest sich dann wie folgt:

Die aktuellen Diskussionen über die US-amerikanischen Gesetzgebungspläne „Sopa“ und „Pipa“ zur Regulierung des Internets verfügen über alle Elemente, um – endlich? – den lang erwarteten und von einigen vielleicht ersehnten „Clash of Civilizations“ zu provozieren. Es ist der Kampf zwischen der schönen neuen digitalen Welt und dem realen Leben. Während die „digital natives“ den realen Menschen zum Dinosaurier erklären, vergessen sie dabei, dass es sich bei dieser Lebensform um die große Mehrheit der Menschen handelt. Auf Mehrheitsverhältnisse haben Revolutionen indessen nie wirklich Rücksicht genommen.

Die mediale Schlachtordnung der letzten Tage erweckt den Eindruck, wir seien im dritten Teil von „Der Herr der digitalen Ringe“ angekommen, und der Endkampf um Mittelerde stehe bevor. Das ist die Gelegenheit, schon jetzt einen vorgezogenen Nachruf auf die Helden von Bits und Bytes, die Kämpfer für 0 und 1 zu formulieren. Denn, liebe „Netzgemeinde“: Ihr werdet den Kampf verlieren. Und das ist nicht die Offenbarung eines einsamen Apokalyptikers, es ist die Perspektive eines geschichtsbewussten Politikers. Auch die digitale Revolution wird ihre Kinder entlassen. Und das Web 2.0 wird bald Geschichte sein. Es stellt sich nur die Frage, wie viel digitales Blut bis dahin vergossen wird.

Zum kompletten Beitrag: Netzgemeinde, ihr werdet den Kampf verlieren!

Ansgar Heveling ist in der CDU zuständig für den Schutz des geistigen Eigentums und hat es – auf welchem Wege auch immer geschafft – in die Enquete-Kommission „Internet und digitale Gesellschaft“ vorzudringen. Und naja, so richtig scheint er das Netz nicht verstanden zu haben. Wir sind ja bescheuerte Ideen von CDU-Politikern gewohnt, aber so einen Driss hat man dann doch selten ertragen müssen.

Da wird der ganzen Netzgemeinde den „Kampf“ erklärt, die Freiheit des Netzes zum „digitalen Totalitarismus“ erklärt, im Austausch natürlich gegen die ‚wahre‘ Freiheit durch den Schutz des Urheberrechts – das scheinbar die Haupterrungenschaft der Französischen Revolution gewesen ist.

Innerhalb eines Tages hat sich die Kampfschrift durch die halbe deutsche Bloglandschaft verbreitet. Wer einen Überblick über Kommentare und Repliken zu Heveling haben möchte, hier bitte. Immerhin darf sich die Online-Redaktion des Handelsblattes über viel Traffic freuen.

SpOn bringt es in seiner Titelzeile schon gut auf den Punkt: CDU-Hinterbänkler trollt die Netzgemeinde. Ein ausführlicher Kommentar erübrigt sich daher fast. Ich belasse es lieber bei Zitaten von Heveling (Hervorhebungen sind von mir):

„Auch wenn das Web 2.0 als imaginäres Lebensgefühl einer verlorenen Generation schon bald Geschichte sein mag, so hat es allemal das Zeug zum Destruktiven.“

„Es ist eine unheilige Allianz aus diesen „digitalen Maoisten“ und kapitalstarken Monopolisten, die hier am Werk ist.“

„Piraten sind jedenfalls dabei der schlechteste Ratgeber. Sie achten das Eigentum des anderen nicht, setzen ihr Wissen nur für den eigenen Vorteil ein, sind darauf bedacht, zusammenzuraffen, was sie von anderen kriegen können.“

Und noch ein Heveling-Special: „nur weil man sagt, man sei gut, ist man es noch lange nicht.“

*slow clap*

edit1: Wunderbare #Hevelingfacts auf Twitter! (Netzpolitik.org) und der Kommentar des Postillon: Gastkommentar: Fahrradfahrer, ihr werdet den Kampf gegen das Hochrad verlieren!

edit2: Nach dem Shitstorm bekommt Heveling auf RP Online die Chance sich zu erklären. Auch da finden sich einige Perlen: „Ich bin mir sicher, dass die große Mehrheit das Internet genauso nutzt wie ich, als hervorragendes Medium für Kommunikation, Wissen und Informationsaustausch.“ Welch Erfahrungswerte …

edit3: Nun noch einmal deutliche Kritik aus den eigenen Reihen: Unions-Kollegin und CSU-Netzversteherin Dorothee Bär weist ihren Kollegen in einer Replik in die Schranken: „Ansgar Heveling muss nach seiner polemischen Netzkritik überlegen, ob er als Volksvertreter geeignet ist.“

Gastkommentar: Apokalyptiker aller Länder vereinigt Euch! #nicht

Share:
  • Facebook
  • Twitter
  • studiVZ meinVZ schülerVZ
  • email
  • Google Bookmarks
  • StumbleUpon
  • Reddit