The Moar You Know: #Gauck und der #NotMyPresident-Shitstorm

Mein Gott, geht das alles schnell dieser Tage. Da tritt am Freitag Christian Wulff von seinem Amt zurück, da treten zwei Tage später die großen Bundesparteien (mit Ausnahme der Linken) zusammen, da einigt man sich rasch auf Joachim Gauck als künftigen Bundespräsidenten, und wenigen Stunden später bekommt man auf Twitter und in diversen Blättern zu lesen, warum Gauck als Präsident unmöglich sei.

Gauck, bei der Wahl 2010 noch Everybody’s Darling und ein charismatischer Kontrast zum biederen Herrn Wulff, ist über Nacht zum Anti-Demokraten, Sarrazin-Verteidiger, Demonstranten-Disser und Überwachungsbefürworter geworden. Kein Mann zum Liebhaben also, gerade aus Sicht der Netzgemeinde. Den Twitter-Hashtag gab’s gleich obendrauf: #NotMyPresident.

Auch wenn sich Gauck kritischer zu den Themen geäußert hat als manchem Netzbürger und Piraten lieb sein dürfte, die Reaktion zeigt leider, wie undifferenziert viele über den wohl kommenden Bundespräsidenten berichtet haben. Cicero dazu:

Durchs Netz geistern des Weiteren: ein Foto Gaucks mit Carsten Maschmeyer und Veronica Ferres, Spekulationen zu einer über eine das normale Maß hinausgehende Nähe des designierten Präsidenten zur DDR-Staatssicherheit, Zitatesammlungen, die mit „Worte eines Antidemokraten und Extremisten“ betitelt wurden. Das ist wenigstens erstaunlich: Antidemokrat und Sarrazin-Befürworter – und davon will niemand von denen, die 2010 noch ganz hingerissen von Gauck waren, vorher etwas bemerkt haben?

Stein des Anstoßes bei Gaucks vermeintlichem Lob für Sarrazin war für viele ein Interview, das Gauck dem Berliner „Tagesspiegel“ gegeben hatte. Ein Interview, das exemplarisch die manchmal fatale Wirkung zeigt zwischen journalistischer Verkürzung und der latenten Neigung im Netz, ohne längeres Verifizieren drauflos zu diskutieren. […]

Gegenüber sueddeutsche.de hatte Gauck schon zwei Monate vorher über das Thema Sarrazin gesprochen und dort auch eine klare Haltung formuliert:

sueddeutsche.de: Wie würden Sie das deutsche Integrationsproblem beschreiben?

Gauck: Es besteht nicht darin, dass es Ausländer oder Muslime gibt – sondern es betrifft die Abgehängten dieser Gesellschaft. Darum erscheint es notwendig, und das ist meine Kritik an Sarrazin, genauer zu differenzieren und nicht mit einem einzigen biologischen Schlüssel alles erklären zu wollen. […]

Er ist mutig und er ist natürlich auch einer, der mit der Öffentlichkeit sein Spiel macht, aber das gehört dazu. Er setzt sich dem Missbehagen von Intellektuellen und von Genossen seiner Partei auseinander – darunter werden viele sein, deren Missbilligung er eigentlich nicht möchte. Nicht mutig ist er, wenn er genau wusste, einen Punkt zu benennen, bei dem er sehr viel Zustimmung bekommen wird.

Hier geht’s zum Cicero-Artikel, in dem auch weitere Vorurteile aufgeklärt werden. Ebenso erwähnenswert ist die Differenzierung zu Gaucks Aussagen in der Süddeutschen Zeitung, von denen auch obiger Interview-Ausschnitt stammt.

In einem Punkt ist Cicero jedoch oberflächlich: Indem man nämlich den entrüsteten Twitterern die Schuld an den Desinformationen gibt. Natürlich ist Twitter eine Brutstätte für Shitstorms. Doch wollen wir nicht vergessen, dass hier auch die werten Herren Berufsjournalisten vorn dabei sind, wie in diesem Kommentar auf The European/Tagesspiegel.

Es ist ein dummer Medienbrauch, dass immer, wenn jemand plötzlich im Rampenlicht steht, erstmal die Schmutzwäsche der Person durchwühlt und anschließend offen ausgebreitet werden muss. Das hatte zuletzt auch die Piratenpartei erlebt, die nach ihrem Wahlerfolg in Berlin auf einmal als frauenfeindlich präsentiert wurde.

Ums zusammenzufassen: Warum nicht mal einen Tag mit der Entrüstung warten?

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1 Antwort auf „The Moar You Know: #Gauck und der #NotMyPresident-Shitstorm“


  1. 1 Gauck und die Überfremdung « The Dead Cat Bounce Pingback am 22. Februar 2012 um 16:18 Uhr
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