Film-Review: „Shame“


Trailer (deutsch)

Ich hatte vor kurzem die Gelegenheit, Steve McQueen’s Sex-Drama „Shame“ im Kino zu sehen. Da der Film am morgigen Donnerstag (1.3.) in Deutschland anläuft, gibt’s hier die Rezension zum Streifen.

In der New Yorker U-Bahn sitzt der Geschäftsmann Brandon (Michael Fassbender) einer jungen Frau gegenüber. Er schaut ihr in die Augen, deutet ein Lächeln an. Sie blickt zurück, schüchtern, flirtend, nicht aufreizend. Sie schlägt die Beine übereinander. Er wartet auf den nächsten Halt. Schnitt. Brandon läuft nackt durch sein Apartment. Die Wände sind in kaltem Weiß gehalten, die Einrichtung spärlich. Brandons Schwester ruft an, spricht auf seinen AB. Er ignoriert sie. Schnitt. Brandon, wie er sich eine Prostituierte aufs Zimmer bestellt, welche sich langsam vor ihm entkleidet. Und dann wieder der Schnitt zur U-Bahn, die an der nächsten Station anhält. Brandon platziert seine Hand am Haltegriff genau neben der Hand der jungen Fremden. Sie spürt ihn im Nacken. Sie steigt eilig aus der U-Bahn aus, taucht im Getümmel der Menschen unter, während Brandon ihr nachläuft, sie nicht aus den Augen verlieren will. Doch auf einmal ist sie verschwunden, außer Sichtweite. Ein kurzes Lächeln huscht über Brandons Lippen. Er macht sich wieder auf den Heimweg.

Die ersten Minuten von Shame gehören zu den intensivsten Intros, welche die letzten Jahre über die Leinwand flimmerten. Untermalt vom bedrückenden musikalischen Thema von Harry Escott führt uns der Film ein in die Welt des New Yorker Singles Brandon Sullivan. Diese Welt ist beherrscht vom Zwang, von der Sucht und dem unaufhörlichen Verlangen nach Sex. Wenn er abends mit seinen Kollegen unterwegs ist, reißt er Frauen auf und jenen anschließend die Kleider vom Leib. Bleibt er zu Hause, bestellt er sich Prostituierte aufs Zimmer. Oder er surft auf Porno-Seiten und besucht Sex-Chats. Selbst auf der Arbeit kann er nicht aufhören und verschwindet in den Pausen auf der Toilette. Brandons heimliche Routine ist mit einem Mal gefährdet, als seine Schwester Sissy (Carey Mulligan) unverhofft in seiner Wohnung auftaucht. Die von Depressionen geplagte Sissy dringt in Brandons abgeschottetes Privatleben ein, was ihm zunehmend psychisch zu schaffen macht.

Shame Movie Picture - Michael Fassbender Press Photo
Brandon (Michael Fassbender) im verregneten Big Apple.

Das Thema Sex ist in Beziehungsdramen und -komödien der letzten Jahre zu einer Art Dreh- und Angelpunkt der Story geworden, etwas, auf das die Hauptcharaktere zusteuern, sich treffen und in der körperlichen Vereinigung ihre gemeinsame Erlösung finden. Shame hingegen behandelt Sex als Sucht und mit einer im Kino selten gesehenen Ernsthaftigkeit. Sex gibt der Hauptfigur keine Erlösung, keinen Höhepunkt, keine Vereinigung mit der Geliebten. Nur eine Bedürfnisbefriedigung an bedeutungslosen Menschen. Rein. Raus. Ende. Sex als Droge, die ein Leben kaputt macht. Im Mittelpunkt der Geschichte stehen mit dem Geschwisterpaar Brandon und Sissy zwei zutiefst gestörte Charaktere, die beide unfähig sind einander zu helfen. Dass sie es dennoch versuchen – aus familiärer Verbundenheit –, ist die Grundformel dieses Dramas.

Den Rest der Shame-Rezension findet ihr nach dem Klick oder demnächst auch auf unaufgefordert.de.

Der Sex wird in Shame explizit, allerdings selten anreizend oder pornographisch dargestellt. Selbst die härtesten Szenen strahlen wenig erotische Wirkung aus – Sex verkommt zu einer Übung, einem Kraftakt, unter dem die Hauptfigur sichtbar leidet. Dass diese inneren Konflikte so unverfälscht und unmittelbar wirken, ist zum einen ein Verdienst von Steve McQueen. Der britische Regisseur hat bereits mit dem IRA-Häftlingsdrama Hunger eindrucksvoll und konsequent den menschlichen Leidensweg verfolgt. Shame setzt McQueens Erstlingswerk nahtlos fort. Es ist auffallend, in welch bedächtigem Tempo der Film die Geschichte erzählt. Mit Schnitten wird äußerst sparsam umgegangen, oft sind die Einstellungen minutenlang und verharren erbarmungslos auf den Figuren, selbst in den Momenten, in denen sie sich am liebsten vor der Welt verstecken möchten. Der Vorteil von McQueens Technik liegt darin, dass er den Schauspielern viel Raum zur Entfaltung gewährt.

Shame Movie Picture - Carey Mulligan Singing New York, New York Press Photo
Gefühlvoller Gesang: New York, New York.

Denkwürdig die Szene zur Mitte des Films, als Brandon mit seinem Chef zusammen ein Konzert seiner Schwester in einem kleinen Nobel-Club besucht. Dort singt sie Frank Sinatras „New York, New York“ mit einer so tiefen Traurigkeit in der Stimme, als gäbe es keine Hoffnung mehr auf ein Happy End. „If I can make it there I make it anywhere“ klingt aus ihrem Mund wie ein Eingeständnis des unvermeidlichen Scheiterns. New York als entzauberte Stadt der Süchtigen. Und mit jeder Minute, die der Song länger dauert, scheint er auch dem Zuschauer immer mehr Kraft abzuverlangen. Die Gesichter der Hauptfiguren, in Nahaufnahme, sind fast regungslos und spiegeln doch die menschlichen Abgründe wider. Das zeigt zugleich den zweiten Grund, warum Shame als Drama funktioniert: Die Leistung der Schauspieler ist hervorragend.

Allen voran ist natürlich Michael Fassbender zu erwähnen. Für seine Leistung wurde der gebürtige Heidelberger bereits bei den Filmfestspielen in Venedig als bester Schauspieler geehrt. Als Brandon ist er mal ein Getriebener, mal ein Charmeur, mal ein Abhängiger, ein Verzweifelter, ein Aufreißer, ein Ruheloser, ein hoffnungslos Gefangener. Mit seinem Lächeln kann er jede Frau sofort für sich gewinnen. In der nächsten Szene dann hockt er wie ein Häufchen Elend in der Ecke seines Apartments, während seine Schwester sich im Schlafzimmer vergnügt. Michael Fassbender zeigt alle diese Facetten seiner Figur bravourös und mit bemerkenswerter Hingabe. Ebenso sein Co-Star, Carey Mulligan, welche die verletzliche und naive Sissy äußerst lebensecht und natürlich verkörpert. (Beide Schauspieler wurden für ihre Leistungen übrigens nicht für einen Oscar nominiert. Das prüde Hollywood schreckt bekanntlich vor explizitem Material zurück, ebenso wie vor der Nominierung von kommerziell wenig erfolgreichen Independent-Filmen. Was in diesem Fall wohl die wahre „Schande“ ist.)

Der langsame und dezente Erzählstil kommt mit wenigen Spannungsmomenten aus. Innere Konflikte und intensive menschliche Begegnungen prägen den Film. Für manchen mag der Stil etwas zu dezent sein. Zudem droht dem Film am Ende die Luft auszugehen, als er sich in allzu exhibitionistischer Dramatik versucht. Das soll jedoch nicht den Gesamteindruck schmälern: Shame ist ein Kino-Juwel und ein klare Empfehlung für jeden, der sich auf das Thema einlassen kann. Die Problematik ist mutig und unverbraucht, und die Leistungen von Regisseur und Crew machen das Drama zu einem ungeschönten, brutalen und eindrucksvollen emotionalen Erlebnis. Shame ist ein Film, der nachhallt – etwas, das man bei Leibe nicht von vielen Werken sagen kann.

Sehr empfehlenswert

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