Nobody expects the Spanish Revolution!

Anonymous - Nobody expects the #Spanish Revolution

Geht es nur mir so, oder ist das das beste Demo-Motto aller Zeiten? Als ich vor wenigen Tagen ein Video von Protesten in Spaniens Landeshauptstadt Madrid gesehen habe, waren mir die Ausmaße noch nicht ganz klar. Inzwischen aber wird die Wut der spanischen Bürger weltweit wahrgenommen, unzählige Blogs, Tageszeitungen und Online-Magazine berichten von den Protesten. In diesem reddit-Beitrag sind die jüngsten Ereignisse gesammelt, auf Nerdcore ist eine gute Sammlung mit Links zu den Berichten über die Spanische Revolution, hier gibt es zudem Ticker-Meldungen und stündliche Updates. Unter dem Hashtag #Spanishrevolution jagen täglich neue Twitter-Meldungen über den Äther. In einem Flickr-Konto finden sich aktuelle Fotos aus Spanien.

Doch worum geht’s? Hier erst mal ein Video von den Massendemonstrationen, die seit Sonntag, dem 15. Mai andauern, darunter gibt’s Infos.

- Seit letztem Sonntag gehen Zehntausende in über 50 spanischen Städten (v.a. in Madrid und Barcelona) auf die Straße, um gegen die Regierungsparteien zu protestieren. Spanien ist wie einige andere europäische Länder wirtschaftlich angeschlagen, gekürzt werden soll jedoch vor allem bei den Sozialleistungen. Die Arbeitsbedingungen werden zugleich erschwert.

- Besonders die „Parteiendiktatur“ der regierenden „Sozialisten“-Partei PSOE sowie der Konservativen PP, welche stets abwechselnd an der Macht sind, ohne wirkliche Reformen zu bieten, verärgert viele. Korruption und die Bereicherung der Mächtigen sind große Probleme. Merh Hintergrundinfos findet ihr hier.

- Die Gewerkschaften sind ohnmächtig und haben den angekündigten Generalstreik gegen die Erhöhung des Renteneintrittsalters auf 67 Jahre nicht durchgeführt. Sie kollaborieren stattdessen mit den Regierenden (unter einem „Sozialpakt“). Resultat: Bei den aktuellen Protesten sind mehr Spanier auf den Straßen als bei den Gewerkschaftskundgebungen am 1. Mai.

- Ähnlich wie bei den jüngsten Protesten in Nordafrika organisieren sich die Demonstranten über soziale Netzwerke (Facebook, Twitter). Es sind viele junge Demonstranten vor Ort, aber die Bewegung geht laut einigen Berichten durch alle Schichten hindurch. „Wir haben keine Zukunft“ ist einer der lautesten Rufe.

- Weitere Infos über Twitter findet ihr im Kanal #Acampadasol, #15m, #15mani oder über den bereits genannten Tag #Spanishrevolution

Zum Schluss noch das Manifest der Bewegung, übersetzt von Spreeblick (siehe nächste Seite):

Wir sind normale Menschen. Wir sind wie du: Menschen, die jeden Morgen aufstehen, um studieren zu gehen, zur Arbeit zu gehen oder einen Job zu finden, Menschen mit Familien und Freunden. Menschen, die jeden Tag hart arbeiten, um denjenigen die uns umgeben eine bessere Zukunft zu bieten.

Einige von uns bezeichnen sich als aufklärerisch, andere als konservativ. Manche von uns sind gläubig, andere wiederum nicht. Einige von uns folgen klar definierten Ideologien, manche unter uns sind unpolitisch, aber wir sind alle besorgt und wütend angesichts der politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Perspektive, die sich uns um uns herum präsentiert: die Korruption unter Politikern, Geschäftsleuten und Bankern macht uns hilf- als auch sprachlos.

Und diese Situation ist mittlerweile zur Normalität geworden – tägliches Leid, ohne jegliche Hoffnung. Doch wenn wir uns zusammentun, können wir das ändern. Es ist an der Zeit, Dinge zu verändern. Zeit, miteinander eine bessere Gesellschaft aufzubauen. Deswegen treten wir eindringlich hierfür ein:

● Gleichheit, Fortschritt, Solidarität, kulturelle Freiheit, Nachhaltigkeit und Entwicklung, sowie das Wohl und Glück der Menschen müssen als Prioritäten einer jeden modernen Gesellschaft gelten.

● Das Recht auf Behausung, Arbeit, Kultur, Gesundheit, Bildung, politische Teilhabe, freie persönliche Entwicklung und Verbraucherrechte im Sinne einer gesunden und glücklichen Existenz sind unverzichtbare Wahrheiten, die unsere Gesellschaft zu befolgen hat.

● In ihrem momentanen Zustand sorgen unsere Regierung und das Wirtschaftssystem nicht dafür, sondern stellen sogar auf vielerlei Weise ein Hindernis für menschlichen Fortschritt dar.

● Die Demokratie gehört den Menschen (demos = Menschen, krátos = Regierung), wobei die Regierung aus jedem Einzelnen von uns besteht. Dennoch hört uns in Spanien der Großteil der Politiker überhaupt nicht zu. Politiker sollten unsere Stimmen in die Institutionen bringen, die politische Teilhabe von Bürgern mit Hilfe direkter Kommunikationskanäle erleichtern, um der gesamten Gesellschaft den größten Nutzen zu erbringen, sie sollten sich nicht auf unsere Kosten bereichern und deswegen vorankommen, sie sollten sich nicht nur um die Herrschaft der Wirtschaftsgroßmächte kümmern und diese durch ein Zweiparteiensystem erhalten, welches vom unerschütterlichen Akronym PP & PSOE angeführt wird.

● Die Gier nach Macht und deren Beschränkung auf einige wenige Menschen bringt Ungleichheit, Spannung und Ungerechtigkeit mit sich, was wiederum zu Gewalt führt, die wir jedoch ablehnen. Das veraltete und unnatürliche Wirtschaftsmodell treibt die gesellschaftliche Maschinerie an, einer immerfort wachsenden Spirale gleich, die sich selbst vernichtet indem sie nur wenigen Menschen Reichtum bringt und den Rest in Armut stürzt. Bis zum völligen Kollaps.

● Ziel und Absicht des derzeitigen Systems sind die Anhäufung von Geld, ohne dabei auf Wirtschaftlichkeit oder den Wohlstand der Gesellschaft zu achten. Ressourcen werden verschwendet, der Planet wird zerstört und Arbeitslosigkeit sowie Unzufriedenheit unter den Verbrauchern entsteht.

● Die Bürger bilden das Getriebe dieser Maschinerie, welche nur dazu entwickelt wurde, um einer Minderheit zu Reichtum zu verhelfen, die sich nicht um unsere Bedürfnisse kümmert. Wir sind anonym, doch ohne uns würde dergleichen nicht existieren können, denn am Ende bewegen wir die Welt.

● Wenn wir es als Gesellschaft lernen, unsere Zukunft nicht mehr einem abstrakten Wirtschaftssystem anzuvertrauen, das den meisten ohnehin keine Vorteile erbringt, können wir den Missbrauch abschaffen, unter dem wir alle leiden.

● Wir brauchen eine ethische Revolution. Anstatt das Geld über Menschen zu stellen, sollten wir es wieder in unsere Dienste stellen. Wir sind Menschen, keine Produkte. Ich bin kein Produkt dessen, was ich kaufe, weshalb ich es kaufe oder von wem.

Im Sinne all dieser Punkte, empöre ich mich.
Ich glaube, dass ich etwas ändern kann.
Ich glaube, dass ich helfen kann.
Ich weiß, dass wir es gemeinsam schaffen können.

Geh mit uns auf die Straße. Es ist dein Recht.

Ich sag dazu einfach mal: Word! Behaltet die Bewegung im Auge, liebe Leser. Schön, dass Europa sich bei Afrika mal was abschaut. Apropos abschauen: Credits an Nerdcore und misterhonk.de. Von da auch der Hinweis auf eine Rede Angela Merkels an die Adressen Spaniens und Portugals:
„Wir können nicht einfach solidarisch sein, und sagen, diese Länder sollen mal einfach so weitermachen wie bisher“, sagte die Kanzlerin. „Ja, Deutschland hilft, aber Deutschland hilft nur dann, wenn sich die anderen anstrengen. Und das muss nachgewiesen werden.“

Hierzu der Hinweis, dass deutsche Arbeitnehmer durchschnittlich 1.390 Stunden pro Jahr arbeiten. In Spanien sind es 1.654 Stunden, in Portugal 1.710 Stunden, in Italien 1.773 Stunden und in Griechenland 2.119 Stunden – damit sind die gefährdeten Euro-Länder also in der Spitzengruppe, was Arbeitseinsatz angeht. (Quelle)

P.S.: Und da wir gerade beim Thema sind: Interessanter Beitrag bei carta.info zu „Griechenland und das Versagen der europäischen Linken.“

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