Artikel: Vom Netz fürs Leben lernen

Eigentlich wollte ich mich ja nicht am Polit-Hype um die Piraten beteiligen, der nach der Landtagswahl in Berlin aufgekommen ist. Jeder versuchte das Phänomen Piratenpartei einzuordnen, zu analysieren, erste Artikel kritisierten schon bald die Partei als „frauenfeindlich“ oder planlos. Nun fiel mir heute dank rivva.de der Beitrag von crtl+verlust ins Auge, der die Piraten und deren Verständnis von Politik am besten durchleuchtet.

Die Piratenpartei kämpft zusammen mit der netzpoltischen Szene schon lange gegen diese Auswüchse und fordert eine diskrimierungsfreie Durchleitung der Daten durch die Provider – eben die sogenannte “Netzneutralität“.
Wenn man sich nun die Forderungen der Piratenpartei in Berlin genauer ansieht, stellt man fest, dass hier das selbe Denken dahinter steht: Infrastrukturen, die Zugang und Teilhabe ermöglichen, müssen gestärkt und ausgebaut werden und gehören diskriminierungsfrei allen angeboten.
- Fahrscheinloser ÖPNV ist die diskriminierungsfreie Beförderung von Personen, jenseits der Einkommensunterschiede.
- Die Ressource Bildung soll diskriminierungsfrei jedem zur Verfügung stehen.
- Bei dem Wahlrecht für Ausländer sollte die Sache auch klar sein. […]
Es ist also eigentlich ganz einfach: Die Piraten verstehen die öffentlichen Institutionen als Plattformen, die Teilhabe ermöglichen. Und auf jede dieser Plattformen fordern sie diskriminierungsfreien Zugang für alle, weil sie im Internet erfahren haben, dass sich nur so Wissen und Ideen – und damit auch Menschen – frei entfalten können.

Zum Artikel „Das politische Denken der Piraten“

Mit dieser Meinung gehe ich völlig konform, nicht zuletzt da ich gestern auch schon Ähnliches zur Bundespressekonferenz der Piraten gesagt hatte ([selfquote]Die Pi­ra­ten­par­tei greift die Kern­prin­zi­pi­en des In­ter­nets auf und will einen neuen Weg im po­li­ti­schen Um­gang ver­su­chen. Mit­be­stim­mung statt Be­vor­mun­dung so­zu­sa­gen.[/selfquote]). Die Piraten sind das Ergebnis einer bewussten Reflexion der Sozialisierung durch das Internet. Eine praktische Anwendung der Netzpolitik als einer Politik, die nicht nur im und für das Netz arbeitet, sondern auch durch das Netz geprägt wurde.

Diese Denkweise ist deshalb interessant, weil sie das Verhältnis Internet – Politik umkehrt. Bisher versuchten Politiker der großen Parteien wie auch die „alten“ Medien nur bereits bekannte Modelle auf das Internet anzuwenden. Die erbärmlich gescheiterten Versuche zum Jugendschutz mit verpflichtenden Alterskennzeichnungen für Websites sowie grenzdebile Parolen wie „Das Netz ist kein rechtsfreier Raum“ sind Ausdruck davon. Die Piraten hingegen wenden nun Prinzipien aus dem Internet auf die Gesellschaft an.

Ich würde sogar noch einen Schritt weitergehen und sagen, dass wir eine Menge aus den Erfahrungen mit dem Internet lernen können. Ein paar Beispiele:

Don‘t feed the Troll!

Jedem Foren-Besucher sollte dieser Ausdruck geläufig sein, denn beinahe überall treibt sich mindestens ein Troll herum, der durch Wortverdreherei, Pöbeleien und unsachgemäßes Debattieren die anderen User vergrätzt (siehe auch diesen SZ-Gastartikel zur Thematik). Viele raten daher, nicht mit Trollen zu debattieren, da jede Argumentation im Sand verläuft und reine Zeitverschwendung ist – vor allem für einen selbst, aber auch für die anderen Nutzer. Man lernt: Trollen kein Forum geben.

Diese einfache Regel hätte bei der letztjährigen Sarrazin-Diskussion geholfen. Viele Medien gingen da nicht nur auf Sarrazin und seine naiv-stupide Argumentation ein. Nein, er wurde sogar in Talkshows eingeladen, von Medien wie Bild und Spiegel in Vorab-Drucken hofiert und auf die Titelblätter gehievt. Anschließend fragt man sich, warum seine Thesen so populär geworden sind.

Sarrazin ist in gewisser Hinsicht ein Troll, auch wenn ihm nach John Gabriel die Anonymität gefehlt hat. Dies machte er zum Glück mit tatrigem Starrsinn wieder wett. Die Medien haben den fragwürdigen Ansichten ein Forum gegeben. Viele Menschen sind auf Sarrazins Thesen angesprungen, da sie hier eher Meinungsfreiheit als Ausländerfeindlichkeit sahen (auch hier kann ich nur auf den Link zum SZ-Artikel verweisen). Hier müssen Bevölkerung und Medien dringend Nachhilfe nehmen. Trolle anstelle von Experten zu befragen verurteilt jede Diskussion zum Scheitern.

Vertrau nicht blind den Quellen

Quoting on the internet

Jeder Professor predigt, Wikipedia nicht als Quelle anzugeben. Viele Zeitungen haben schon falsch aus dem Internet abgeschrieben. Und zumeist vertraut man Meldungen im Internet nur, wenn sie von Journalisten bestätigt sind. (Alternative: Pics or it didn‘t happen.)

Eigentlich sollte uns das ermahnen, auch sonst beim journalistischen oder wissenschaftlichen Schreiben beim Zitieren genauer aufzupassen. Denn nicht nur das Internet ist eine unsichere Quelle. Auch gestandene Journalisten können sich vertun. Und auch auf Experten ist nicht immer Verlass. Im Zweifelsfall also gegenchecken, bevor man Falschheiten verbreitet. Damit kommen wir aber schon zum nächsten Punkt.

Nicht nur hauptberufliche Journalisten stehen für Qualität

Das mag im Widerspruch zum vorher Gesagten stehen, tut es jedoch nicht. Viele Blogger ergänzen traditionelle Medienberichterstattung, kritisieren diese (BILDBlog) oder werten sie sogar auf. Blogs wie das mit dem Grimme-Preis ausgezeichnete Internet-Law berichten kenntnisreich (und ja, auch von Experten). Das GuttenplagWiki ist ein einmaliger Beweis für die herausragende Bedeutung des ehrenamtlichen Einsatzes im Web.

Weitere Beispiele auch hier: Blogger wehren sich gegen Merkel: Aussagen entspringen „einer umfassenden Unkenntnis oder einer sturen Arroganz“

Was das fürs Leben zeigt: Leute, die sich für ein Thema einsetzen und interessieren, können oft mindestens ebenso interessante und richtige Dinge erzählen wie Experten. Im Internet vergisst man schneller die Autorität von Titeln und Namen – hier zählen, insbesondere in Debatten mit anonymen Teilnehmern, die Argumente. Das ist übrigens ein weiteres Argument für die Bedeutung von Anonymität im Netz.

Geh sorgsam mit deinen Daten um

Momentan ist es eher so, dass wir das Allwissen von Google und Facebook fürchten, da sie im Besitz persönlicher Daten sind, mit denen wir sie gefüttert haben. Da regt sich im Netz und insbesondere von Datenschützern oder Organisationen wie dem CCC so mancher Widerstand.

Doch warum nur gegen Facebook hetzen? Wir geben auch im richtigen Leben unsere Daten sorglos aus der Hand. Dort ist es allerdings Normalität geworden. Bezahlt ihr z.B. mit Payback-Karte? Dann solltet ihr mal überprüfen, wie viel die Handelsketten über euch wissen. Meine Bank weiß, wie viel Geld ich habe und wo ich eingekauft habe, mein Smartphone weiß, wo ich mich aufhalte, und die Bundesregierung will unsere Daten mit neuen Krankenkassenkarten und Persos festhalten. Hinzu kommt Vorratsdatenspeicherung zur „Terrorbekämpfung“. Apropos: Es gibt vermehrt Überwachungskameras, die unsere Bewegungen genauestens aufzeichnen. In England z.B. sind die Städte voll von CCTV-Aufklebern, schlimmer als jeder Graffito. Fühlt ihr euch deshalb sicherer?

Natürlich sind persönliche Daten ein Problem, die wir selbst preisgeben. Aber warum interessieren uns die Daten so wenig, die höhere Institutionen „zu unserem eigenen Wohl“ verlangen?

Too long; did not read (aka Conclusio)

Das sind nur ein paar Anregungen. Tatsächlich müsste man an dieser Stelle eine tiefergehende Analyse wagen. Diese wird in Zukunft sicher erfolgen. In der Tat meine ich, dass diejenigen, welche die Vorzüge des Internets am breitesten in der realen Welt anwenden, auch das meiste aus ihren Möglichkeiten machen werden.

Vom Internet lassen sich also durchaus wichtige Verhaltensweisen und Regeln ableiten. Ebendas können die Piraten für sich verbuchen. Und je mehr Menschen mit dem Netz aufwachsen und Teile ihres Lebens im Internet verbringen, desto bedeutender werden nicht nur Netzpolitik und Piratenpartei, desto bedeutender wird auch ein bewusster Umgang mit den Möglichkeiten des Webs. Hier stehen wir bekanntlich erst am Anfang.

Ansonsten: Habt ihr eigene Ergänzungen, Gedanken, Kritik zum Artikel? Der Kommentarbereich steht euch offen.

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